10 Jahre Pflegeversicherung: Eine Bilanz aus der Sicht eines Arztes

Auch wenn die Perspektive des Verfassers nicht ganz vom Eigennutz befreit ist, so unterscheidet sich dieser Beitrag wohltuend von der derzeitigen Diskussion über die Pflegeversicherung. Das wirkliche Problem ist nicht die Finanzierung der Pflegeversicherung, sondern die Definition der Leistungen. Denn es ist schon heute klar, dass die Pflegeversicherung in der Form volkswirtschaftlich gar nicht finanzierbar ist. Die Frage ob Kinderlose höhere Beiträge zahlen sollen oder nicht, geht daher völlig am Thema vorbei. Die jetzige Pflegeversicherung ist ein löchriges Flickwerk mit einer äusserst geringen Halbwertzeit.
Schon in der Definition der Pflegebedürftigkeit, wie der Author richtig anmerkt, liegt das Basisproblem inne. Das Abstellen der Pflegebedürftigkeit auf die „Verrichtungen des täglichen Lebens“ reduziert nicht nur den Menschen auf die Summe seiner Grundbedürfnisse (und die leider nicht mal vollständig), sondern programmiert schon im Keim der Konzeption die Konflikte zwischen Pflege- und Krankenkassen einerseits , sowie zwischen ambulante und stationären Pflege andererseits.
Auch die de facto Förderung der Heimunterbringung durch verkehrte Anreize stellt eine immense Verschwendung an Mitteln zugunsten der Betreiber dar. Dass dies mittelfristig nicht haltbar ist, dürfte den meisten Akteuren ausserhalb der Branche klar sein. Die Branche selbst scheint leider von einer langfristigen Vision gänzlich frei zu sein.
Enttäuschend und von Eigeninteresse geprägt ist die Forderung nach stärkerer Einbeziehung des MDK. Wir brauchen weniger eine weitere kontrollierende Bürokratie, sondern eine Zusammenfassung unterschiedlicher Instanzen, die ja das gleiche tun. Warum soll es einen MDK und eine Heimaufsicht geben? Warum gibt es die Trennung zwischen Leistungs- und Ordnungsrecht an dieser Stelle? Warum fasst man nicht die Stellen in einer Behörde zusammen, die kassenunabhängig ist? Der MDK soll zwar unabhängig sein, ist es aber in den meisten Fällen nicht wirklich, da organisatorisch stärkere Verknüpfungen zu den Kassen bestehen. Die Heimaufsichten sollten es ebenfalls sein, sind aber oft in unheilvollen Interessensgemeinschaften verstrickt, bei dem es hauptsächlich darum geht, marode städtische oder pseudo – gemeinnützige Einrichtungen vor dem Aus zu bewahren.
Zu begrüssen ist schliesslich der Ansatz den rehabilitativen Aspekt endlich in die Tat umzusetzen. Aus unserer täglichen Erfahrung können wir bestätigen, dass in der Richtung viel mehr möglich ist. Leider geben die Pflegekassen auch hier verkehrte Anreize vor, so dass die Betreiber ihre Renditen nur bei Pflegekonzepten a la „satt und sauber“ maximieren können.

Deutsches Ärzteblatt: „Pflegeversicherung: Rezepte zur Genesung“ (23.07.2004)

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