Pflegereform – jetzt sprechen die Gurus

Mit Überraschung las ich vor ein paar Tagen das Kommentar eines selbsternannten „Pflegeexperten“, der Bedarf an Betten für die vollstationäre Pflege würde aufgrund der Pflegereform um ca. 100.000 Betten zurückgehen, da die Maßnahmen die Pflege zuhause (ambulante Pflege) erheblich attraktiver zulasten der stationären Pflege machen. Das Thema wurde sogar von der seriösen „Immobilienzeitung“ relativ kritiklos aufgegriffen. Wie sieht es in der Realität aus? Da hilft am besten ein Diagramm (oder zwei).

Die Entwicklung der monatlichen Zuschüsse für die Pflegestufe 1 (Beträge in €) sieht so aus:

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Die Pflegestufe 2 sieht so aus:

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Glaubt wirklich jemand, dass diese Entwicklung einen bahnbrechenden Einfluss auf den Bedarf nach stationären Betten haben wird? Dass die Betroffenen für einen Betrag von 30 (!) Euro in der Pflegestufe 1 bzw. 120 Euro pro Monat in der Pflegestufe 2, der auch noch erst im Laufe von 5 Jahren erreicht wird, massiv nach Hause abwandern  oder bleiben werden?? Erschwerdend kommt dazu, dass gerade in der Pflegestufe 2 die Tendenz ins Pflegeheim an sich höher ist, da man hier auch mehr mit Begleiterscheinungen wie Multimorbidität und/oder Demenz zu kämpfen hat. Aus meiner Erfahrung kann ich berichten, dass die meisten Menschen im Pflegeheim kommen, weil die Pflege zu hause nicht funktioniert und die Angehörigen überfordert sind. Der finanzielle Anreiz der mit einer geringen Verbilligung des „Produktes“ ambulante Pflege einhergeht, ist dagegen sehr gering um bei der Entscheidung Haus oder Heim maßgeblich zu wirken.

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2 Gedanken zu “Pflegereform – jetzt sprechen die Gurus

  1. Rainer Hombücher

    Trotz demografischer Entwicklung: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland sich zu einem einzigartigen Lazarett für alte Menschen entwickelt – an jeder Ecke ein Pflegeheim. In Zeiten des Bedarfs und der Not wird der Mensch bekanntlich kreativ. Zielgruppe der Pflegeheime sind in den nächsten dreißig Jahren u.a. die 68-iger, die größte Individualistengruppe, die dieses Land hervorgebracht hat – ausgesprochene Gegner von Institutionen wie Heime: „Schafft die Heime ab“. Ein Marketing-Guru hat mal gesagt: „Wer sich ausschließlich an Statistiken orientiert, macht bei seinen strategischen Entwicklungen den ersten großen Fehler.“
    Das Geschäftsmodell vieler Investoren ist durchsichtig: Bauen und in Bestandseinrichtungen investieren – zum richtigen Zeitpunkt teuer verkaufen. Ich denke, viele dieser (neuen) klassischen Pflegeheime werden ihre Kunden nicht finden.
    Ich glaube auch, dass in zwanzig Jahren Modelle nachgefragt werden, von denen wir heute noch gar keine Vorstellung haben. An Kinderläden und Elterninitiativen dachte früher auch niemand.

  2. M. Paillon

    @Herrn Hombüscher
    In Unkenntnis Ihres Alters möchte ich gerne daran erinnern, dass die „wilden“ 68er gut daran tun, ihre Altersruhesitze früh genug zu gestalten, bevor sie durch Immobilität, Demenz o.ä.
    daran gehindert werden.
    Als 62er und mitten aus dem Geschehen kann ich nur bestätigen, dass wir JETZT für unsere Zukunft Sorge tragen müssen, finanziell wie ideell.
    Und wenn es dann später auch noch individuell sein soll, empfehle ich, eine gut sortierte Biografie im Handgepäck zu haben, qualifiziertes Personal wird dies sehr zu schätzen wissen.
    MfG

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